| Jörg Leune im O-Ton zur "Heiligen Johanna" |
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Da die Beiträge, die an die GN eingeschickt werden, grundsätzlich angepasst bzw. verkürzt werden, wird hier einmal der ursprüngliche Text von Jörg Leune abgedruckt. Wer mag, kann einen Textvergleich anstellen: dieser Link führt zum veröffentlichten Artikel.
Wie episches Theater unter die Haut gehen kann – Klaus Thiele inszeniert Brecht Von Jörg Leune
Neuenhaus. Wenn es Brecht wirklich ernst gewesen sein sollte mit der Forderung nach dem distanzierten (womöglich Zigarre rauchenden) Zuschauer beim epischen Theater, dann war diese Forderung am Wochenende in der Bauhofhalle nicht einlösbar. Denn Klaus Thieles Inszenierung der „Heiligen Johann der Schlachthöfe“ hielt das zahlreiche Publikum über 90 Minuten lang in einem ganz besonderen Bann. Das ist ja bei Schultheater keineswegs selbstverständlich. Aber Thieles Inszenierungen am Lise-Meitner-Gymnasium tragen seit nunmehr zwanzig Jahren durchweg den Stempel des Außergewöhnlichen. Und so passte denn auch bei der heiligen Johanna wieder alles. Das gilt für herausragende Einzelleistungen, die Ausgeglichenheit des Ensembles der 16 Mitglieder der Theater-AG, die Choreographie und die einprägsame Bewegung der Schauspieler auf der Bühne, die Kostüme, das Bühnenbild, die Musik (Heinrich Herbers), das Licht (Joyce Liesen und Kelvin Sarink) und vor allem die sprachliche Gestaltung des schwierigen Textes. Die Breite der Halle vor der Zuschauertribüne dient als Spielfläche. Sie ist hinten durch einen schwarzen Vorhang abgegrenzt. In seiner Mitte eine große Rollstahlplatte. Davor eine niedrige Bühne. Quer über den Raum ragt von links oben nach rechts unten ein roter Balken. Sein schwarzer Schatten an der linken Wand wird von Rotlicht gerahmt. Leider verdeckt er für einen Teil des Publikums die eingeblendeten Szenentitel. Die spärlichen Ausstattungsstücke, Tische, Stühle, eine Betbank werden von den Akteuren selbst in den Spielraum gerückt. Nach einem verwirrenden Anfangsauftritt des gesamten Ensembles entwickelt sich das Spiel der Einzelszenen. Den Protagonisten stehen die kleinen Gruppen der Schwarzen Strohhüte, der Arbeiter und Armen, der Fleischfabrikanten, Packherren und Viehzüchter gegenüber. Alle Gruppen sprechen vorzüglich im Chor. Die schwarzen Strohhüte (Kathrin Radtke, Ruth Beuker, Marlen Roovers) agieren fröhlich-naiv mit gitarrenbegleitetem Gesang. Distanzierter und beherrschter ihr Major (Ina Venneklaas). Die ausgebeuteten Besitzer der Produktionsmittel (Daniel Titz, Mareike Dunz, Alexandra Vasilenko) gestalten das Auf und Ab ihrer Gefühle mit großer Überzeugungskraft. Pia Bargel als Frau Luckerniddle, die bei der Fleischproduktion ihren Mann verloren hat, oszilliert eindrucksvoll zwischen Wut, Verzweiflung und Realitätssinn. Die Arbeiter (Sascha Bocht, Dirk Beuker, Therese Hutzschenreuter) verkörpern gelungen ihren Status zwischen Resignation und Empörung. Dirk Beuker gibt zudem den mitleidslosen-coolen Hausbesitzer, der den Schwarzen Strohhüten die Miete kündigt. Die Hauptakteure sind der Fleischkönig Pierpont Mauler und Johann Dark, Leutnant der Schwarzen Strohhüte. Christoph Hannebeil als Mauler hat eine besonders schwierige Rolle. Mauler schwankt immer wieder zwischen Empathie, die sogar zur Bußfertigkeit führt, und gesundem Geschäftssinn. Hennebeil lässt ihn widerstrebend über Leichen gehen, in seinem Handeln immer gesteuert durch die Briefe seiner Freunde von der Wallstreet. Die Ambivalenz seines Wesens beeindruckt das Publikum deutlich. Mauler zur Seite steht sein Makler Slift. Laura Hofrichter spielt ihn eindrucksvoll schlangenhaft und gefühlskalt. Stella Meijerink als Johanna überzeugt von allen am stärksten. In beispielhafter sprachlicher Gestaltung vollzieht sie ihren Gang von der dominanten Befehlshaberin zum endlichen Zusammenbruch. Am Anfang verkörpert sie unreflektierte Mildtätigkeit. Das Erkennen der wahren Ursachen der wirtschaftlichen Zusammenhänge bringt zum versuchten Engagement für die ausgesperrten Arbeiter. An dieser Aufgabe scheitert sie infolge ihrer persönlichen Schwäche und bricht am Schluss, ohnmächtig revolutionäre Parolen rufend, zusammen. Alle diese unterschiedlichen Phasen ihrer Rollenentwicklung gestaltet sie in überaus eindringlichem Spiel. Wenn sie am Schluss des Stückes in der Mitte der Bühne kniend zur Revolution aufzurufen versucht, während die Arbeiter regungslos zuschauen und die Fabrikanten im dröhnenden Chor sie überschreien und die bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse als die einzig wahren preisen und – Gipfel der Perfidie – Johanna zur Heiligen erklären, dann ist das nicht nur Krönung einer beispielhaften Inszenierung und hervorragender schauspielerischer Leistungen, sondern es macht dem Publikum auch bedrängend klar: Die ferne Welt der Schlachthäuser von Chicago ist im Grunde unsere eigene Welt. Langanhaltender Beifall krönte Klaus Thieles zwanzigste Theater-AG-Inszenierung. Fast eine Generation liegt zwischen den „Physikern“ von 1990 und der Heiligen Johanna von 2010. In jedem Jahr ist es Thiele wieder gelungen, das kreative Potential junger Menschen in erstaunlicher Weise freizulegen und zu entwickeln. Die immer wieder neuen Bilder seiner Inszenierungen bleiben im Gedächtnis der Besucher eingebrannt.
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